S 1:  #14 Zwischen Feststellung und Förderung: Warum sich die sonderpädagogische Diagnostik als unscharf erweist

Dr. Ellen Brodesser im Gespräch mit Hubertus Redlich

 

Intro:

(00:08) Inklusionsfragen Der Podcast des Interdisziplinären Zentrums für Inklusionsforschung Berlin, herausgegeben von Christian Brüggemann, Caroline Junge und Matthias Olk. Die sonderpädagogische Feststellungsdiagnostik ist seit Beginn der inklusiven Bemühungen in Deutschland noch stärker in der Kritik. Die Diagnosen gelten als unscharf, diskriminierend und als ungerechtfertigt ressourcengenerierend auf der Grundlage individueller Schwächen. Akteur*innen im System wissen häufig um die Kritikpunkte der Diagnostik. Allerdings fehlte bisher ein umfassender Überblick zu verschiedenen Perspektiven. Im Forschungsprojekt FePrax werden die Lehrkräfte und Diagnostiker*innen, Gutachten und auch Eltern in die Analysen einbezogen. Wir hören in dieser Folge, welche Ergebnisse gewonnen wurden und welche Ideen für die bildungspolitische Verwaltung entwickelt wurden. Wir hören im Folgenden Ellen Brotesser. Sie ist wissenschaftliche Mitarbeiterin an der Humboldt-Universität zu Berlin und Geschäftsführerin des Zentrums für Inklusionsforschung. Sie ist im Gespräch mit Hubertus Redlich, ebenfalls von der Humboldt Universität zu Berlin.

Hubertus Redlich:

(01:32) Hallo und herzlich willkommen zur heutigen Podcast Folge aus der Reihe Inklusionsfragen. Ich bin Hubertus Redlich und ich sitze hier mit Ellen Brodesser. Ellen. Hallo.

Ellen Brodesser:

(01:45) Hallo, Hubi.

Hubertus Redlich:

 (01:46) Alles gut?

Ellen Brodesser:

 (01:47) Ja, und bei dir? Na alles.

Hubertus Redlich:

 (01:50) Alles ist viel.

Ellen Brodesser:

 (01:50) Ja, alles ist viel, aber ich freue mich, dass wir heute die Folge aufnehmen.

Hubertus Redlich:

 (01:54) Ich freue mich auch sehr und vielleicht sage ich noch mal ganz kurz was zu uns. Wir arbeiten beide gemeinsam und manchmal auch zusammen an der Humboldt-Universität im Arbeitsbereich Pädagogik bei Beeinträchtigung des Lernens und Allgemeine Rehabilitationspädagogik. Mehr noch, ich glaube, seit dem letzten Jahr teilen wir uns ein Büro. Das heißt, wir sitzen hier jetzt gerade in unserem Büro und unterhalten uns. Wie so oft. Heute werden wir allerdings sozusagen beobachtet oder belauscht, aber das soll uns von unserem Gespräch nicht abhalten, zumal wir heute mal die Gelegenheit haben, eine halbe Stunde über ein Forschungsprojekt zu sprechen. Das heißt, das ist, finde ich, verhältnismäßig viel Zeit, dahingehend vielleicht mal so ein bisschen in die Tiefe zu gehen oder zumindest mal schön vorzustellen. Es geht um das Projekt Feprax. Feprax steht für Diagnostische Praxis zur Feststellung sonderpädagogischen Förderbedarfs und Bundeslanddisparitäten im Kontext der UN Behindertenrechtskonvention. Es handelt sich dabei um ein vom BMBF gefördertes Verbundprojekt. Dabei war neben der HU auch noch die Goethe Universität Frankfurt und das DIPF beteiligt. Und wenn ich das richtig erinnere, warst du aber von Anfang an, also von der Projektantragstellung involviert. Und deswegen und weil natürlich diejenigen, die uns belauschen hier, die Hörer*innen, sicherlich auch ein bisschen was zu deiner Person wissen wollen, erzähl doch vielleicht mal, was hast du bis dato so getrieben in der Wissenschaft und wie bist du oder seid ihr diesem Projekt gekommen?

Ellen Brodesser:

 (03:51) Ja, danke Hubi. Ich freue mich auch, dass wir heute über Feprax reden. Mein Name ist Ellen Brodesser, wie du gerade schon gesagt hast. Ich bin wissenschaftliche Mitarbeiterin hier am Institut für Rehabilitationswissenschaften und dass ich bei diesem Projekt und auch in der Abteilung gelandet bin, lag gar nicht so auf der Hand, denn ich habe Erziehungswissenschaften, Psychologie und Kunstgeschichte studiert und ging erstmal gar nicht in diese Richtung, habe mich mit Reformschulen viel beschäftigt, von Anfang an mit Bildungsungerechtigkeit, dazu kommen wir nachher wahrscheinlich noch. Hab dann aber promoviert zu Kinder aus zugewanderten Familien an Förderschulen. Das war eine statistische Arbeit oder es war eine Vollerhebung von Kindern in Berliner Förderschulen im Schwerpunkt Lernen. Und nach der Promotion habe ich mich bei Vera Moser beworben. Schon im Vorstellungsgespräch haben wir über diese Arbeit gesprochen, die unter anderem auch zum Thema hatte: welche institutionelle Diskriminierung kann man sehen bei Kindern mit Förderschwerpunkt Lernen und Migrationshintergrund? Ich bin dann erstmal in dem Projekt Fachdidaktische Qualifizierung für Inklusion gelandet, habe da mit Vera Moser geforscht, was müssen Lehrkräfte wissen im Kontext von Inklusion? Und dann eines Tages kam die Idee, dass wir das mal weiterentwickeln mit der Idee, dass wir noch mal schauen, an welchen Stellen könnten Diskriminierungen passieren und haben dann den Antrag gestellt, zusammen mit dem DIPF Markus Hasselhorn und Thorsten Dietze. Und dann hat das Projekt Fahrt aufgenommen und im Laufe der Projektzeit sind ganz viele Wissenschaftler*innen hinzugekommen, die alle an ganz unterschiedlichen Teilprojekten gearbeitet haben.

Hubertus Redlich:

 (05:41) OK, sonderpädagogische oder die Feststellung sonderpädagogischen Förderbedarfs und wie du jetzt gerade gesagt hast, institutionelle Diskriminierung, da sehe ich definitiv auch einen Zusammenhang mit Vera Moser. Schöne Grüße von hier aus. Ich hoffe, sie hört sich das irgendwann mal an. Du hast gesagt, unterschiedliche Teilfragen an den unterschiedlichen Projektstandorten, viele Kolleginnen, die mitgewirkt haben. Dann kommen wir doch jetzt direkt zum Projekt. Erzähl doch mal, was gab es für Bereiche in dem Verbundprojekt und welchen Fragen seid ihr nachgegangen?

Ellen Brodesser:

 (06:21) Wir haben uns damit beschäftigt, was passiert eigentlich in dem Prozess der Feststellung sonderpädagogischen Förderbedarfs? Ausgangspunkt waren die rechtlichen Grundlagen. Wir haben in fünf Bundesländern dieses Projekt durchgeführt. Das war Berlin, Brandenburg, Hessen, Nordrhein-Westfalen und Bayern. Und wir haben uns fünf Förderschwerpunkte angesehen. Lernen, emotional, soziale Entwicklung, Sprache, Autismus und geistige Entwicklung. Das Interessante an dem Projekt ist, dass es aus verschiedenen Perspektiven auf verschiedene Materialitäten mit verschiedenen methodischen Zugängen schaut. So gibt es zum Beispiel eine Analyse zur pädagogischen Diagnosequalität, zur psychologischen Diagnosequalität. Wir haben uns angeguckt, wie werden Eltern mit einbezogen in diesen Prozess? Was denken Expert*innen, die diese Teams leiten, diese Diagnostik Teams denn über die Diagnostik? Und haben versucht, so ein möglichst mehrperspektivisches Bild auf den Prozess sonderpädagogischer Feststellungsdiagnostik zu erhalten.

Hubertus Redlich:

 (07:26) OK, dann hast du jetzt schon gesagt, ihr habt euch die Gutachten selbst angeguckt, ihr habt mit Stakeholdern, kann man vielleicht sagen, gesprochen, um dann sozusagen der Frage auf die Spur zu kommen, wie es um die pädagogische Qualität auch der Gutachten bestellt ist. Das war dann sozusagen ein erster Schwerpunkt. Wollen wir da anfangen?

Ellen Brodesser:

 (07:51) Ja, gern. Also an der Goethe Universität hat sich das Team von Vera Moser zusammen mit Benjamin Haas, der hier auch schon in der Podcastreihe interviewt wurde, vor allen Dingen auch mit Nadja Althors zusammen diese Gutachten angesehen und geschaut, was ist da eigentlich an pädagogischer Diagnostik zu finden? Was kann man daraus ziehen? Sie haben sich angeguckt, welche Daten werden genutzt, um eben diesen Förderschwerpunkt oder einen Förderschwerpunkt festzustellen, haben versucht, das so zuzuordnen, was sind Anamnesedaten, was sind Beobachtungsdaten, was sind verfahrensbasierte diagnostische Daten? Und haben gesehen, dass viele Gutachten sich vor allen Dingen auf Beobachtungsdaten stützen, die ein Stück weit auch unstrukturiert sind. Es wird versucht, eine Anfangsidee, einen Anfangsanlass, also nämlich die Feststellung sonderpädagogischen Förderbedarfs möglichst zu untermauern und das Problem dabei ist, dass es ziemlich weit weg ist vom Unterricht, Es ist relativ unspezifisch und es ist für die Pädagogik am Ende wenig nutzbar, weil es immer noch diese sehr defizitorientierte Sicht auf das Kind, auf die Kompetenzen des Kindes und auch auf die Persönlichkeit des Kindes hat.

Hubertus Redlich:

 (09:11) OK, also kann man vielleicht ein Stück weit sagen, dass die Feststellung des sonderpädagogischen Förderbedarfs jetzt aus der Perspektive wirklich anlassbezogen dahingehend ihren Job machen muss, dieses Defizit zu diagnostizieren, ohne groß Möglichkeiten zu evozieren, pädagogisch anzuschließen, also für diejenigen, die dann weitermachen und fördern dürfen oder müssen.

Ellen Brodesser:

 (09:40) Ich finde, das hast du ganz gut ausgedrückt. Tatsächlich geht es wirklich darum, Ressourcen für das Kind im System Schule zu akquirieren, zu beschaffen und dafür braucht man eben das Defizit oder dafür muss man formulieren, was das Kind alles nicht kann. Es geht nicht darum, so ein ausgewogenes Bild des Kindes zu zeichnen, was sind die Stärken, was sind die Schwächen, was sind die nächsten Schritte, die man für das Kind gehen kann, damit es in seinem Lernen unterstützt wird. Es geht wirklich darum, herauszufinden oder immer wieder zu betonen, was das Kind nicht kann und dann sozusagen die sonderpädagogische Förderung oder die Zuordnung zu einem Förderschwerpunkt als Lösung zu präsentieren. Damit ist es auch dieses Ressourcenetikettierungsdilemma, was wir schon sehr lange aus der sonderpädagogischen Diagnostik kennen, was sich in diesen Gutachten auch widerspiegelt. Und das wurde so analysiert anhand von Kausalketten nach Gläser und Laudel, die haben das damals formuliert 2009 und wurde eben geguckt, was ist der Anlass, wie wird der Anlass auf der Sachebene untermauert, welche Informationen werden genutzt und was sind die Konsequenzen, was ist die Wirkung. Diese Ketten wurden gebildet und man hat gesehen, es geht eigentlich immer darum zu zeigen, dass das Kind diesen Förderschwerpunkt braucht.

Hubertus Redlich:

 (11:03) Also Ressourcen zu brauchen ist ja jetzt nichts, was man irgendwie kritisieren sollte oder dürfte. Das ist ja sicherlich auch ein Thema. Ich merke das auch immer in der Lehre, dass da häufig dann auch moniert wird, dass die Ausstattung häufig irgendwie als das große Problem gesehen wird, aber man kriegt das im Sinne des Etikettierungsressourcendilemmas halt nur zu dem Preis, dass man erstmal das Defizit festschreibt. Und das kann man ja auch sehr kritisch sehen.

Ellen Brodesser:

 (11:39) Genau, also das kann ich nachher auch gerne sagen, was wir daraus ableiten. Wenn man das so spezifisch machen könnte, das Kind eindeutig zuordnen und das sind jetzt die nächsten Fördermöglichkeiten und man kann Gruppen bilden und diese Kinder brauchen diese Förderung, dann hätte das vielleicht einen pädagogischen Nutzen.

Hubertus Redlich:

 (12:04) Aber damit kommen wir dann wahrscheinlich, das hast du schön übergeleitet, warum sitze ich hier eigentlich? Wahrscheinlich dann zu der psychologischen Perspektive, die du eben schon genannt hattest, Also dann eben zur psychologischen Qualität dieser Gutachten. Also inwiefern, also offensichtlich Kausalkette, es muss ein Defizit festgestellt werden, dann ist es jetzt natürlich anschlussfähig oder wäre es anschlussfähig, das dann eben auch so genau wie möglich zu beschreiben, denn dann könnte man ja entsprechend fördern. Aber was habt ihr zu der psychologischen Qualität oder zur Eindeutigkeit dieser Gutachten herausgearbeitet und vor allem, wie habt ihr da gearbeitet?

Ellen Brodesser:

 (12:43) Das war von Anfang an eine interessante Perspektive im Projekt, weil das Deutsche Institut für Pädagogische Forschung und da das Team um Markus Hasselhorn zusammen mit Elena Galliano Weber und Rebecca Eiser. Haben sich angeguckt, wie kann man, wenn man eigentlich gar nicht weiß, welchen Förderschwerpunkt ein bestimmtes Kind hat, aus den Daten heraus auf den Förderschwerpunkt schließen. Hört sich jetzt kompliziert an, ich mache es noch ein bisschen komplizierter. Das heißt, Machine Learning Prozesse wurden genutzt oder Methoden wurden genutzt, um zu schauen, wie kann man Cluster bilden. Das sind unsupervised Machine Learning Prozesse. Das heißt, man sagt dem Computer oder dem Programm nicht, welchen Förderschwerpunkt das Kind hat, sondern lässt in den Daten, also diesmal in den Gutachten, nach Mustern suchen. Die Annahme dahinter ist, dass Kinder, die gleiche diagnostische oder ähnliche diagnostische Informationen haben, einem bestimmten Förderschwerpunkt zugeordnet werden können. Ich hatte ja vorhin gesagt, wir haben die fünf Förderschwerpunkte und man hätte jetzt gedacht, alle, die ähnliche Beschreibungen haben, die später dann zum Förderschwerpunkt Lernen zugeordnet wurden, werden von dem Programm auch im Förderschwerpunkt Lernen erkannt. Aber dem ist nicht so.

Hubertus Redlich:

 (14:00) Dem ist nicht so. Nein, Das heißt, es ist sozusagen, also Ihr habt die Gutachten und die Gutachten sind natürlich im Sinne dieser Kausalkette, wie ihr das dann auch herausgearbeitet habt, weisen einen bestimmten sonderpädagogischen Förderbedarf zu, aber die lernende Maschine, wenn ich das jetzt mal so frei übersetzen kann, findet den nicht aus den Daten. Das heißt ja dann sozusagen übersetzt, wenn man nicht weiß, was letztendlich dabei rausgekommen ist, also welches kann man vielleicht ein bisschen weit, aber einen Förderbedarf jetzt als Defizit zu betrachten. Aber eigentlich geht es ja darum, ein Defizit zu beschreiben, um dann pädagogisch anzuschließen. Aber Machine Learning sagt im Grunde genommen, es gibt diesen ersten Punkt in der Kausalkette quasi gar nicht.

Ellen Brodesser:

 (14:55) Genau. Also es ist so, dass die fünf Cluster, die wir vermutet hätten, Lernen, emotional-soziale Entwicklung, Sprache, geistige Entwicklung und Autismus, sich nicht so klar aus den Daten bestimmen lassen. Vielmehr finden sich zwei Grundmuster und das eine Muster sind Konzentrations- und Lernschwierigkeiten und das andere Muster sind sozio-emotionale Verhaltensproblematiken. Und im Grunde genommen sind das die abgrenzbaren Cluster und eben nicht sozusagen die Förderschwerpunkte, die wir so finden würden oder die wir vermuten würden oder wo die Kinder letztendlich zugeordnet wurden. Das heißt im Umkehrschluss, die Daten, die erhoben wurden, sind nicht interpretationseindeutig. Das heißt, alle Akteure, die im Prozess beteiligt sind, die Diagnostiker*innen interpretieren die Daten und schauen, OK, welcher Förderschwerpunkt ist der wahrscheinlichste oder wo würden wir das Kind zuordnen. Aber aus den Daten lässt sich das nicht erkennen, wenn man vorher nicht sagt, das ist dieser Förderschwerpunkt.

Hubertus Redlich:

 (16:02) Das heißt sozusagen, ich könnte Gutachten finden, die sich sehr sehr, sehr ähnlich sind von ihrer Argumentation, aber es steht am Ende was Unterschiedliches drauf. Also es kommen sozusagen bei ähnlichen Gutachten, bei ähnlichen Sachen, die beschrieben werden. Man muss jetzt natürlich auch noch berücksichtigen, ihr habt das in unterschiedlichen Bundesländern behoben, da gelten wahrscheinlich unterschiedliche Rahmenbedingungen, Gesetzgebung und so weiter und so fort, aber sehr ähnliche Gutachten beschreiben unterschiedliche Defizite, um jetzt mal in der Logik zu bleiben.

Ellen Brodesser:

 (16:35) Ja und deswegen ist sozusagen diese Zuordnung zu einem ganz spezifischen Förderschwerpunkt an der Stelle, also auf Grundlage unserer Daten und das zeigen aber auch andere Forschungsprojekte nicht so eindeutig belastbar. Und die Konsequenzen, die sich aber ergeben, zum Beispiel die Zuordnung zu einer bestimmten Schulform oder bestimmte Dinge, die für den Förderschwerpunkt angeraten sind, lassen sich nicht eindeutig aus den Daten ablesen.

Hubertus Redlich:

 (17:02) Das macht ja letztendlich auch einen Unterschied in der Ressourcenzuweisung sogar, oder?

Ellen Brodesser:

 (17:05) Ja, genau. Und manche Bundesländer, und das war am Anfang so, haben wir gedacht, die Bundesländer, die stärker standardisieren, die sagen, in dem Förderschwerpunkt muss immer dieses Verfahren eingesetzt werden. Es gibt in Berlin und Brandenburg so eine zunehmende Standardisierung, dass die interpretationseindeutiger sind oder objektiver oder valider. Das können wir so nicht sehen, weil sich die Standardisierung eher auf den Prozess bezieht, nicht aber auf die Interpretation der Daten, die, um das noch mal rückzuschließen, auf die pädagogische Diagnostik, wenig am konkreten Unterricht orientiert ist.

Hubertus Redlich:

 (17:41) Das kommt dann sozusagen noch hinzu. Also ich meine, das ist jetzt natürlich auch sehr löblich und das musst du jetzt hier auch machen, eng an den Daten zu bleiben und zu sagen, was ihr sozusagen herausgefunden habt. Aber jetzt mal ganz ketzerisch nachgefragt, gibt es dann überhaupt diese 5 unterscheidbaren Förderbedarfe?

Ellen Brodesser:

 (18:00) Ich glaube, dass es Kinder gibt, die sich ähneln in ihren spezifischen Bedürfnissen. Also man kann schon sagen, dass es Kinder gibt, die auf verschiedenen Ebenen spezifische Lernbedürfnisse haben, die man erfüllen muss und auf die man im zum Beispiel adaptiven Unterricht eingehen müsste. Was wir herausgefunden haben, ist, dass man viel stärker aber den Fokus legen sollte auf Barrieren zu schauen, was braucht ein Kind, um was zu lernen. Dieses Labeling oder diese Etikettierung ist dabei in diesem Feststellungsprozess sehr wichtig, um zusätzliche Ressourcen zu akquirieren. Aber dem Kind selbst ist damit im Unterricht noch nicht geholfen.

Hubertus Redlich:

 (18:47) OK, also dann kommen wir natürlich, und ich denke, da verstärkt sozusagen euer zweiter Forschungsschwerpunkt natürlich dann noch das Problem, was du dann letztendlich schon zu der pädagogischen Anschlussfähigkeit hast sagen können. Nochmal, es gibt jetzt aber noch, und damit sind wir dann beim dritten Projektschwerpunkt, weitere Player im System. Also wenn dieses, und das habt ihr euch ja auch angeschaut, Feststellungsverfahren durchgeführt worden ist, muss ja nicht nur pädagogisch angeschlossen werden, sondern es muss auch kommuniziert werden, beispielsweise gegenüber den Eltern. Die sind, glaube ich, in allen Bundesländern auch einzubeziehen in den Prozess. Und ihr habt euch die Gespräche angeschaut, die dann eben mit den Eltern geführt worden sind. Was kannst du dazu sagen? Gibt es da auch ebenso eine Defizitorientierung oder ist das dann beratender, pädagogisch anschlussfähiger?

Ellen Brodesser:

 (19:49) Genau, danke für die Frage. Ruby. Ich möchte erstmal einsteigen mit einem kleinen Zitat. Und zwar sagt eine Diagnostikerin in diesem Abschlussgespräch und zum Schluss gibt es eine Zusammenschau. Also das hier wird wahrscheinlich eher so ein bisschen defizitorientiert sein, weil und dann sehen wir es wieder, es geht ja darum, einen sonderpädagogischen Förderbedarf festzustellen. Das wird den Eltern gegenüber so auch kommuniziert. In den Elterngesprächen sehen wir eben keine ergebnisoffene Beratung. Das heißt, die Eltern werden, man würde denken, sie werden ganz offen beraten über Konsequenzen der Feststellung des Förderbedarfs zur Schulwahl, zu bestimmten Informationen. Sie werden auch noch mal befragt als Partneri*n in diesem Prozess. Aber was wir festgestellt haben, diese Beratung ist eben nicht ergebnisoffen, sondern eher ein Teil dieses Verwaltungsvorgangs. Es geht darum, die festgestellten Förderbedarfe zu legitimieren. Die Eltern müssen dem Prozess zustimmen. Sie müssen am Ende unterschreiben, dass diese Beratung, die keine Beratung ist, stattgefunden hat. Sehr selten sind so Momente, wo gesagt Was heißt das jetzt für das Kind, für das ganze Leben, für die ganze Biografie, wenn es in eine Förderschule überwiesen wird? Die Förderschule wird oft als Lösung präsentiert, kleinere Klassen, bessere Fördermöglichkeiten als Lösung für die Probleme des Kindes, die wiederum sozusagen verargumentiert werden durch die diagnostischen Informationen, die gesammelt wurden.

Hubertus Redlich:

 (21:25) Wenn ich mir jetzt die Situation vorstelle, dass ich mir jetzt keine Ahnung, wünschen würde, dass mein Kind inklusiv beschult wird, aber dann ist es möglicherweise so, dass als Empfehlung eher eine Förderschule vorgesehen wird. Wie wirkt sich das dann in solchen Gesprächen aus? Hätte ich da, wenn ich da jetzt säße, eine Chance oder spielt das letztendlich gar keine Rolle? Du hast schon so ein bisschen angedeutet.

Ellen Brodesser:

 (21:54) An der Stelle würde ich sagen, sind zwei Punkte relevant. Der erste Punkt In welchem Bundesland findet die Beratung oder das Abschlussgespräch, was ja eher eine Verwaltung ist, statt. Es gibt Bundesländer, wo die inklusive Lösung oder die inklusive Beschulung zum Beispiel für Kinder, die als autistisch diagnostiziert wurden, immer die Schule ist, die empfohlen wird, weil es eben da auch räumlich gesehen eine nah sehr gute Schule gibt, an die die Kinder überwiesen werden. In anderen Bundesländern ist es so, dass die Förderschule dann so verargumentiert wird, dass es die einzige Lösung ist. Dann können die Eltern sich das wünschen, aber es wird nicht gehört. Und an der Stelle muss ich noch mal sagen, an den Gesprächen sind zwischen 2 und 9 beteiligt. Manchmal ist es so, dass ein Elternteil mit Dolmetscherinnen mit sieben professionell ausgebildeten Personen in einem Raum ist und da die eigene Sichtweise entgegen der vielen diagnostischen Informationen durchzubringen, ist sehr schwer. Das sehen wir eigentlich so gut wie nicht, dass den Eltern das gelingt, dann da durchzudringen. Und viel wird argumentiert, dann eben auch das vielleicht noch mal ganz wichtig, mit so Verfahren mit belastbaren statistischen Daten. Und das spielt nach wie vor die Messungen des IQ noch eine sehr große Rolle. Und damit wird dann argumentiert, dass das Kind in der inklusiven Schule eben nicht zurechtkommen würde. Es braucht eine andere kleinschrittige, ganz andere Betreuung, die dann in den Förderschulen vermeintlich angeboten wird.

Hubertus Redlich:

 (23:25) Also kann man jetzt vielleicht auch, gerade wenn man jetzt so in der Gesamtschau dieser drei unterschiedlichen Teilbereiche eures Projekts da drauf guckt, jetzt schon und sicherlich sehr kritisch konstatieren, dass es sich sozusagen um einen Verwaltungsakt handelt, dem aber von Anfang an eingeschrieben ist, ein Defizit festzustellen und insofern auch wenig Potenzial dafür steht, aufzuklären oder pädagogische Anschlussmöglichkeiten zu evozieren oder ist das jetzt ein bisschen böse?

Ellen Brodesser:

 (24:04) Ne, böse würde ich das nicht bezeichnen. Ich würde sagen, dass sich aus den Daten relativ viel ableiten lässt, was eher für die Bildungsverwaltung interessant ist. Am Anfang wollten wir Sofortbildung für Lehrkräfte und Diagnostikerinnen entwickeln, die ihnen zeigen, wie sie in diesem Verfahren besser agieren können. Wir haben festgestellt, darum geht es eigentlich nicht. Es geht eigentlich darum, dass man die Feststellung sonderpädagogischen Förderbedarfs unter ganz anderen Voraussetzungen denkt. Und zwar, dass es viel stärker darum geht, und das haben wir als bildungspolitische Empfehlung formuliert, dass man Barrieren abbaut, dass man sich anschaut, was braucht das Kind zum Lernen, dass man viel stärker guckt, was ist eine prozessbegleitende curriculare Diagnostik, die sich auf den Lehrplan bezieht und schaut, was kann man davon im Unterricht umsetzen. Dann haben wir festgestellt, die Schüler*innen werden kaum mit einbezogen. Das müsste man ändern. Also um die geht es. Die sind ja die Akteure, die später auch von den Konsequenzen betroffen sind. Und für die Elternberatung muss man sagen, dass man Verwaltungs- und Beratungshandeln viel klarer trennen kann und wirklich eine möglichst außerschulische Beratung zu den Konsequenzen und zu den Möglichkeiten der Förderung für die Eltern etablieren sollte und für die Sorgeberechtigten. Und letztendlich, Hubi, kommen wir wieder zu dem Ressourcen-Etikettierungs-Dilemma zurück. Unserer Meinung nach sollte man diese Ressourcenfrage von den individuellen Defiziten, die formuliert werden müssen, entkoppeln und viel systemischer schauen. Wie kann man in bestimmten sozialräumlichen gelegenen Schulen zum Beispiel unterstützen? Wie kann man mehr Ressourcen reingeben? Was haben wir für Prävalenzraten? Wie können wir da Kinder, die dort zur Schule gehen, besser insgesamt unterstützen? Also systemisch denken an der Stelle und individuell schauen, welche Notwendigkeiten ergeben sich für die Förderung des Kindes im Unterricht und wie kann da ganz gezielt unterstützt werden. Da wir hier gerade sitzen heute, möchte ich sagen, wir haben ja diese bildungspolitischen Informationen schon ein bisschen in die Welt gegeben. Wir haben die schon diskutiert mit anderen Forschungsprojekten in dieser Förderlinie des Metavorhabens Inklusive Bildung und andere Forschungsprojekte, nicht nur national, also da haben wir InDiVers oder Indeed sind zu ähnlichen Ergebnissen gekommen, sondern zum Beispiel auch in Österreich wurde eine große Studie durchgeführt, die kommt zu ähnlichen Ergebnissen. Und gestern, Hubi, das kann ich jetzt ganz aktuell sagen, hat der Verband der Sonderpädagogik zu diesen bildungspolitischen Empfehlungen Stellung genommen und auch der Verband der Sonderpädagogik unterstützt die Empfehlung. Also was ich gesagt Barriereabbau, prozessbegleitende Diagnostik, Einbeziehung der Schüler*innen und auch systemische Ressourcenzuweisung. Das finde ich gut und ich hoffe wirklich sehr, dass da Bewegungen in diese doch sehr stigmatisierende und defizitorientierte Diagnostik kommen.

Hubertus Redlich:

 (27:06) Also ihr habt wirklich sozusagen diese Möglichkeit, die Verfahren auch über Bundesländer möglicherweise hinweg stärker zu standardisieren, die Diagnostik selbst besser zu machen, die Verfahren zu verbessern durch Ausbildung und so weiter und so fort. Das ist ja auch schon leichter gesagt als getan, aber die habt ihr tatsächlich abgeschrieben, diese Möglichkeit. Und es ist wirklich Ihr fordert nicht weniger, wenn ich das mal so zusammenfassen darf, einen Paradigmenwechsel, der die Praxis zur Feststellung sonderpädagogischen Förderbedarfs betrifft, beziehungsweise fordert ihr deren Abschaffung?

Ellen Brodesser:

 (27:47) Das ist jetzt zum Ende natürlich eine schwierige Frage, also vielleicht kann ich die so ein bisschen abwägend beantworten. Ich finde, dass es sehr wichtig ist, viele pädagogisch relevante Informationen über ein Kind zu sammeln, am besten mit den Kindern und mit den Eltern, Familien an der Stelle gut zu beraten und zu schauen, welche spezifischen Fördermöglichkeiten gibt es, welche Ressourcen sind dafür nötig und wie kann man das Kind fördern. Die sonderpädagogische Feststellungsdiagnostik tut das im Moment nicht. Ob man den ganzen Prozess abschaffen muss als Verwaltungsakt, sicherlich als pädagogische Beratung und pädagogischen Blick auf das Kind kann man sehr, sehr viele Informationen und Daten über das Kind sammeln und vielleicht daraus dann viel bessere Maßnahmen ableiten, weil in dem ganzen Verfahren arbeiten viele Expert*innen, die sehr spezialisiert und eigentlich dem Kind sehr zugewandt.

 

Hubertus Redlich:

 (28:45) Weil die Orientierung an Defiziten da eben so stark ist, Auch die Fokussierung auf individuelle Defizite sozusagen. Also dem Ganzen steckt ja jetzt ein bisschen, um das theoretisch zu reflektieren, letztendlich auch dann vielleicht so ein Wechsel weg von einer individuellen Beschreibung oder Modellierung von Behinderungen oder Förderbedarfen hin zu sozialen Modellierung letztendlich und dann, wenn es um das Individuum geht, sicherlich zur Herstellung von Barrierefreiheit im Gegensatz zur Festschreibung oder Beschreibung von Defiziten.

Ellen Brodesser:

 (29:27) Genau, das individualtheoretische Modell von Behinderung ist nicht mehr, also im Kontext der UN BRK nicht das Modell, was zugrunde gelegt werden sollte, sondern es sollte wirklich geschaut werden, wie du gerade gesagt hast, welche systemischen Barrieren gibt es, was müssen Lehrkräfte wissen, was müssen Eltern und Sorgeberechtigte wissen, wie können wir Kinder selbst beteiligen, wie können wir Unterricht neu denken, um wirklich dann auch inklusive Bildung zu ermöglichen.

Hubertus Redlich:

 (29:56) Ja, ich freue mich, das hattest du jetzt auch eingebracht, sehr zu hören, dass es offensichtlich da immer mehr Player im System gibt, die eure Empfehlungen, die jetzt mittlerweile bekannt sind, da auch unterstützen. Das ist sicherlich wichtig und vielleicht so der erste Teil des Weges. Trotzdem muss ich noch einmal nachfragen, für wie realistisch hältst du es denn jetzt, dass sich da schnell etwas ändert? Also ich muss gerade denken, und das ist eigentlich auch in der Podcast Folge hier in dieser Reihe sehr schön rausgekommen, was Benni Haas auch am Beispiel von ADHS herausgearbeitet hat, dass im Diskurs diese klinische, diese medizinische Position dann eben doch sehr viel Macht hat und insbesondere in der Praxis offensichtlich diese sozialen Modellierungen, diese sozialen Ideen nur sehr schwer durchzusetzen in der Lage sind oder damit beginnen. Also wie schätzt du es ein, dass wir vielleicht entsprechend eurer Empfehlungen bald eine ganz andere Praxis, ganz andere Verfahren haben?

Ellen Brodesser:

 (31:04) Du fragst jetzt natürlich eine Person, die per se sehr bildungsoptimistisch ist. Ich beschäftige mich ja in meiner Arbeit, du weißt es viel mit Bildungsungerechtigkeit und an manchen Punkten muss man aufpassen, dass man über die Jahre nicht desillusioniert wird. Auf unsere Abschlusstagung im Juni hatten wir auch aus den Bildungsverwaltungen Menschen eingeladen, die mit uns die Ergebnisse diskutiert haben und es war schon ein gemischtes Bild und ich weiß, dass so Prozesse nicht schnell vorangehen. Dennoch denke ich, in der Förderlinie sind so viele Projekte zu ähnlichen Ergebnissen gekommen und auch das große Projekt in Österreich ist zu dem Ergebnis gekommen und wir werden es auf der IFO nächstes Jahr weiter diskutieren. Und ich bin sehr optimistisch, dass ich daran was ändern muss, weil es ist nicht gerecht, es ist nicht stärkenorientiert und es ist nicht mehr modern pädagogisch.

Hubertus Redlich:

 (32:00) Also euer Anfangsverdacht der institutionellen Diskriminierung hat sich durchaus irgendwo ein Stück weit bestätigt. Wir müssen daran, wir müssen daran, insbesondere vor dem Hintergrund der UN Behindertenrechtskonvention, aber insgesamt viel breiter vor dem von dem Verständnis von Inklusion und sicher auch vor dem Hintergrund des Themas Bildungsgerechtigkeit. Vielleicht ist es jetzt angetan, sich hier zu verabreden, sich in, was willst du sagen, 10 Jahren, 20 Jahren noch mal wiederzutreffen und zu gucken, was passiert ist. Drei Jahre, Das sagt viel über unser beider Weltsicht, Optimismus versus Pessimismus, okay dann treffen wir uns in drei Jahren wieder. Liebe Hörer*innen, ich bedanke mich ganz herzlich für das Zuhören bis hierhin. Offensichtlich treffen wir uns dann, wenn Sie wollen, in drei Jahren wieder. Ellen, möchtest du noch was sagen?

Ellen Brodesser:

 (33:02) Danke, Hubi, für die Fragen.

Hubertus Redlich:

 (03:05) Dann bedanke ich mich auch bei dir, Ellen. Ich bedanke mich bei allen, die jetzt auf technischer Ebene an diesem Podcast beteiligt waren. Bedanke mich beim ganzen Projektteam für diese Studie und natürlich bei den Herausgeber*innen dieses Podcast zu Inklusionsfragen. Und wir verabschieden uns. Auf Wiederhören.

Ellen Brodesser:

 (33:26) Auf Wiederhören.

Outro:

(33:30) Inklusionsfragen. Der Podcast des Interdisziplinären Zentrums für Inklusionsforschung Berlin.