S 2: #1 Betroffenheit und Verantwortlichkeit: Beobachtungen aus Lehrer:innenfortbildungen zur Diskriminierungskritik

 

Josephine Herz im Gespräch mit Anna Moldenhauer

 

Matthias Olk:

(00:09) Hallo und herzlich willkommen zum Podcast Inklusionsfragen des Zentrums für Inklusionsforschung Berlin. Ich bin Matthias Olk und ich gebe den Podcast gemeinsam mit meinen Kolleg innen Caroline Junge, Ellen Brotesser und Christian Brüggemann heraus. Wir starten mit dem Beginn des neuen Jahres mit einer zweiten Staffel des PODCA, in der der Blick auf das Feld der Inklusionsforschung geweitet werden soll. Ich freue mich nun in die erste Folge der zweiten Staffel einleiten zu dürfen. Die Verteilung von Bildungschancen durch die Institution Schule ist durch Diskriminierung geprägt, die sich entlang einer Reihe von miteinander verflochtenen Differenzlinien vollzieht, nicht zuletzt von Race, Class und Gender. Das Verbundprojekt „ForDiSens“ das steht für Fortbildungen zur Stärkung von Diversitätssensibilität widmet sich vor diesem Hintergrund der Analyse und Weiterentwicklung von Fortbildungen für Lehrer innen im Bereich der Antidiskriminierung. In dieser Podcast Folge sprechen Josefine Herz, wissenschaftliche Mitarbeiterin im Projekt dessen und Anna Moldenhauer, Professorin für Schultheorie und Schulentwicklung, über erste Beobachtungen aus dem Teilprojekt der Universität Bremen. In diesem befasst man sich mit dem Vollzug von Fortbildungen zum schulischen Umgang mit Klassismus. Besondere Aufmerksamkeit richten Josefine Herz und Anna Moldenhauer dabei auf das Sprechen über Betroffenheit und Verantwortlichkeit und fragen danach, wie Fortbildner*innen und Teilnehmer*innen sich zueinander zur Schule als Institution sowie zum Gegenstand der Fortbildungen relationieren.

Josephine Herz:

(01:55) Hallo Anna, ich freue mich sehr hier mit dir über unser laufendes Verbundprojekt mit dem Namen Fortbildungen zur Stärkung von Diversität Sensibilität kurz vor dessen sprechen zu können. Hallo Josefine, vielleicht einmal vorweg zur Das Verbundprojekt „ForDiSens“ wird im Rahmen des Programms Integration durch Bildung durch das Bundesministerium für Bildung, Familie, Senioren, Frauen und Jugend sowie über den Europäischen Sozialfonds gefördert. Wir untersuchen kurz gesagt Fortbildungen für Lehrer*innen im Bereich der Diskriminierungskritik und damit bewegen wir uns also in der Lehrer*nnenbildung. Du Anna, bist Professorin für Schultheorie und Schulentwicklung an der Universität Bremen und leitest das Bremer Teilprojekt von „ForDiSens“. Möchtest du dich kurz vorstellen?

Anna Moldenhauer:

(02:45) Gern, Vielen Dank für die Einführung. Meine aktuelle Funktion hast du eben benannt. Ich bin Erziehungswissenschaftlerin an der Universität Bremen. Schultheorie und Schulentwicklung sind die Schwerpunkte meines Arbeitsbereiches und meiner Forschung in der ich mich seit vielen Jahren auch mit Fragen von Inklusion befasse. Bedeutsam war dafür nicht zuletzt meine Dissertation, in der ich rekonstruktiv zu den Erfahrungen von Schüler*innen mit Partizipation im Rahmen der Pilotphase der Berliner Gemeinschaftsschulen geforscht habe. Seit dieser Studie, die ich vor 10 Jahren abgeschlossen habe, verknüpfe ich in meiner Forschung den Blick auf Partizipation, Inklusion und Fragen der Produktion und Reproduktion von Differenz mit solchen von Schule als gesellschaftlicher Institution, schulischem Wandel sowie Lehrer*innenbildung. Im „ForDiSens“ Projekt interessieren wir uns im Bremer Teilprojekt für den schulischen Umgang mit Klassenverhältnissen bzw. Diskriminierung aufgrund sozialer Herkunft oder Armut.

Josephine Herz:

(03:46) Ja, und wir beide kennen uns bereits aus der Zeit in Dresden. Damals durfte ich dich im Rahmen der Vorstudie für dieses Projekt als studentische Hilfskraft bei mehreren Workshops begleiten. Und umso mehr freue ich mich, dass ich jetzt in der Rolle als wissenschaftliche Mitarbeiterin selbst an „ForDiSens“ mitwirken und auch an diese Erfahrungen anknüpfen kann. Und rückblickend war das tatsächlich auch ein wichtiger Wegbereiter, da für mich wissenschaftlich mit Fragen von Diskriminierungskritik in der Lehrer*nnenbildung auseinanderzusetzen. Und bevor wir uns näher mit dem Projekt befassen, lass uns doch kurz einen Blick auf den größeren Kontext richten. Denn der Institution Schule kommt ja eine zentrale Bedeutung zu, wenn es um Bildungschancen geht. Gleichzeitig zeigen Studien immer wieder, dass diese Chancen entlang von Kategorien wie Race, Class oder Gender ungleich verteilt sind. So verweisen etliche Studien auf die in Deutschland besonders ausgeprägte Kopplung von Bildungserfolg und sozialer Herkunft. Derartige Beobachtungen aus Studien hinsichtlich der Reproduktion von Ungleichheit in der und durch die Institution Schule in der Kombination mit politischen Ereignissen und gesellschaftlichen Transformationen haben dazu beigetragen, dass Diversitäts- und Diskriminierungssensibilität beispielsweise von der KMK zu zentralen Zielen der Lehrerinnenbildung erklärt wurden, um Menschen vor Diskriminierungserfahrungen zu schützen. An diesem Punkt rücken für uns die Lehrkräfte in den Fokus. Denn schließlich sind auch Lehrkräfte bewusst oder unbewusst in die Reproduktion Produktion von Differenz eingebunden. Und immer wieder an Diskriminierung beteiligt. Wir überlegen Was bedeutet es eigentlich, für Diskriminierung sensibilisiert zu sein? Was bedeutet es in Bezug auf Diskriminierung handlungsfähig zu sein, könntest du für uns einordnen, was wir im Projekt eigentlich unter Diversitätssensibilität verstehen, also der Begriff, der ja sogar im Namen des „ForDiSens“ - Fortbildungen zur Stärkung von Diversitätssensibilität steckt und damit, warum ist es relevant, genau in diesem Bereich der Lehrer*innenfortbildungen zu forschen.

Anna Moldenhauer:

(06:12) Im Projekt nehmen wir die Beobachtung, dass der Begriff der Sensibilität in bildungspolitischen und erziehungswissenschaftlichen Debatten oft bemüht wird, dabei allerdings zumeist unterbestimmt bleibt, zum Ausgangspunkt. Um genauer hinzusehen, wie der Begriff inhaltlich gefüllt wird. In bildungspolitischen und erziehungswissenschaftlichen Debatten werden beispielsweise Sprachsensibilität, Gendersensibilität, Heterogenitäts- oder Diskriminierungssensibilität von angehenden Lehrpersonen eingefordert, zumeist ohne zu bestimmen, was genau damit gemeint ist. Lehrer*innen sollen so das leitende Argument lernen, mit Heterogenität umzugehen, um dann ihrerseits wiederum Schüler*innen in plurale Lebensformen. Und Grundlagen einzuführen. Wie die avisierten Sensibilisierungsprozesse sich jedoch konkret vollziehen, wird bislang selten genauer in den Blick genommen und da nimmt unsere Studie dessen ihren Ausgang. Wir interessieren uns dafür, wie sich Sensibilisierungsprozesse im Interaktionsgeschehen von Lehrer*innen, Fortbildungen und Workshops vollziehen, die das Ziel verfolgen, für Diskriminierung zu sensibilisieren. Wir wollen in den Blick nehmen, wie die Beteiligten einander adressieren, wie sie sich zu den vielschichtigen Ansprüchen relationieren, die mit den Veranstaltungen verbunden und in den Veranstaltungen hervorgebracht werden und wie sie dabei ein spezifisches Wissen in Bezug auf Diskriminierung konstituieren. Sensibilisierung erscheint dabei, so eine erste Einordnung, die Melanie Schmidt und ich in einem Artikel vorgenommen haben, als Problemformel, über die sich gesellschaftliche und pädagogische Veränderungsansprüche begegnen. Konkreter bezogen auf eine Sensibilisierung für Diskriminierung können wir mit Albert Scheer festhalten, dass als Diskriminierung auf sozialen Klassifikationen basierende Zuschreibungen an Personen oder Personengruppen bezeichnet werden, mit denen ein sozialer Sonderstatus im Sinne von Ausschluss, Abwertung und Benachteiligung begründet wird, Während alltagssprachlich unter Diskriminierung ein abwertendes Sprechen und benachteiligendes Handeln verstanden wird, so Scheer, geht es in der Forschung zur Diskriminierung auch darum, dieselbe als soziales Phänomen zu analysieren, das in gesellschaftlichen Machtverhältnissen ebenso wie in institutionellen Strukturen sedimentiert ist und dessen konkrete Formen und Dimensionen zugleich umkämpft sind. Diskriminierung verletzt das Selbstverständnis spätmodern demokratischer Gesellschaften, allen Menschen gleiche Handlungsvoraussetzungen zu gewähren. Daher erweist sich die Forderung nach Diskriminierungssensibilität als eine, die auf die Wiedereinsetzung dieses Selbstverständnisses zielt. Allerdings geht die Forderung nach Diskriminierungssensibilität, so lässt sich im Anschluss an Reckwitz konstatieren, vielfach mit der Tendenz einher, gesellschaftliche Transformationsaufgaben zu individualisieren, was sich nicht zuletzt in pädagogischen Kontexten beobachten lässt.

Josephine Herz:

(09:21) Also ist die Idee der Diskriminierungssensibilisierung häufig damit verknüpft, dass Lehrer*innen stark in die Verantwortung genommen werden. Und es kann davon ausgegangen werden, wie auch unsere ersten Beobachtungen nahelegen, dass in Fortbildungen zur Stärkung von Diversitätssensibilität Fragen von Verantwortung, Verantwortungszuweisung verhandelt werden. Lehrkräfte werden in diesem Kontext auch potenziell als sensibilisierungsbedürftig adressiert, wobei Fortbildungen darauf ja abzielen, Haltungen und Handlungen so zu verändern, dass Diskriminierung erkannt, problematisiert und idealerweise auch reduziert wird.

Anna Moldenhauer:

(10:03) Ja, vor diesem Hintergrund interessiert uns im Projekt „ForDiSens“, wie sich eigentlich Vermittlungs- und Sensibilisierungsprozesse innerhalb von Fortbildungen in situ vollziehen und auf welche Weise das dort erworbene Wissen anschließend in die schulische Praxis übersetzt wird.

Josephine Herz:

(10:20) Für das Projekt wurde aus diesen Überlegungen drei zentrale Forschungsfragen. Wie entstehen in Lehrer*innenfortbildungen Impulse zur Stärkung von Diversitätssensibilität auf Ebene von Profession und Schule? Wie werden diese Impulse von den teilnehmenden Lehrer*innen in eigene Verantwortlichkeiten und in ihre schulische Praxis übersetzt? Und welche Schlussfolgerungen lassen sich für die Stärkung von diversitätssensiblen Handlungswissen auch ziehen? Um diesen Fragen nachzugehen, nehmen wir teilnehmende Beobachtungen von Fortbildungen auf, zeichnen die Fortbildungen, wenn das möglich ist, audiografisch auf und führen dann einige Wochen nach den Fortbildungen Gruppendiskussionen mit den teilnehmenden Lehrkräften durch. Dabei arbeiten wir bei „ForDiSens“ in einer besonderen Verbundstruktur. Drei Universitäten und drei Fortbildungsträger aus Bremen, Sachsen-Anhalt und Thüringen bilden sogenannte Wissenschaftspraxis Tandems und seitens der wissenschaftlichen Verbundpartnerinnen sind Nele Kuhlmann und Charlotte Dietel von der Universität Jena dabei, Melanie Schmid und Daniel Diekman von der Universität Halle-Wittenberg sowie neben uns beiden Lydia Heydrich und Anja Langer im Teilprojekt der Universität Bremen und die Zusammenarbeit mit den Praxispartner*innen und ermöglicht es uns, Fortbildungsprozesse nicht nur zu beobachten, sondern gemeinsam mit den Praxispartner*innen auch weiterzuentwickeln und Forschungs- und Praxisperspektiven in einen engeren Dialog zu bringen. Die Standorte setzen dabei unterschiedliche thematische Schwerpunkte. Hier in Bremen stehen Fragen von Klassismus und Rassismus im Vordergrund, in Sachsen-Anhalt ist es Sexismus und Queerfeindlichkeit und in Thüringen der Umgang mit rechtspopulistischen Einstellungen. Das Forschungsdesign ist als responsive Anerkennungs- und Subjektivierungsforschung angelegt. Anna, kannst du kurz erklären, was das bedeutet und wie sich unser Vorgehen im Verbund dadurch auch prägt?

Anna Moldenhauer:

 (12:36) Das kann ich gerne machen. Ich würde dazu zunächst auf den Anerkennungsbegriff eingehen. Alltagssprachlich wird Anerkennung nahezu ausschließlich mit wertschätzender Bestätigung und achtender Zuwendung in Verbindung gebracht. Diese nahezu ausschließlich positiv konnotierte Bedeutung von Anerkennung wird erziehungswissenschaftlich allerdings nicht uneingeschränkt geteilt. Denn Personen erhalten Anerkennung nicht nur für etwas, was sie bereits sind, etwa Attribute wie Sensibilität, Empathie oder Verantwortung, sondern es wird zugleich erwartet, dass die Anerkannten die ihnen zugeschriebenen Attribute auch für sich als zutreffend übernehmen. Anerkennung ist mit Machtverhältnissen verwoben und damit ein ambivalentes Geschehen. Dies hat Judith Butler differenziert nachgezeichnet und etwa in der Publikation Psyche der Macht dargelegt, wie Menschen entlang von Normen für das, was Anerkennbarkeit ausmacht, so eine Formulierung von Butler subjektiviert werden. In der Erziehungswissenschaft schließen unter anderem Norbert Ricken und Nicole Balzer an diesen Ansatz von Butler an. Sie argumentieren, dass Individuen dadurch, dass sie in der sozialen Interaktion als je bestimmte anerkannt werden, zu bestimmten Subjekten gemacht werden und sich selbst dazu machen. Darin vollzieht sich Subjektivierung. Um sozial handlungsfähig zu werden, müssen Menschen sich Kategorien unterwerfen, die sie nicht frei gewählt haben, gerade in Bezug auf Diskriminierung. So haben Nele Kuhlmann und ich kürzlich in einem Vortrag dargestellt, entfalten die Ambivalenz und die Machtverwobenheit des Anerkennungs- und Subjektivierungsgeschehens eine besondere Problematik, insofern Menschen entlang gesellschaftlich sedimentierter Anerkennungsnormen als fähig oder unfähig, als dazugehörig oder fremd, als männlich oder weiblich gelesen werden. Anerkennung kann in pädagogischen Kontexten nicht einfach bestätigend verliehen werden, da mit ihr eine existenzielle Dimension verbunden ist, über die Menschen spezifisch positioniert und hervorgebracht werden. Mit Bezug auf unser Projekt interessiert in subjektivierungstheoretischer Perspektive unter anderem, wie die an den Fortbildungen teilnehmenden Lehrer*innen ebenso wie die Fortbildner*innen in den Veranstaltungen. Adressiert und damit auch hervorgebracht werden. Wir richten den Blick auf die Performativität des Fortbildungsgeschehens und die in den Fortbildungen konstituierten Anerkennungsordnungen oder konkreter: Es interessiert uns, wie die an den Fortbildungen Beteiligten durch das Fortbildungsgeschehen adressiert sowie gegebenenfalls sensibilisiert werden.

Josephine Herz:

(15:21) Um uns dem Subjektivierungsgeschehen in Fortbildungen analytisch zu nähern, nutzen wir einen adressierungsanalytischen Zugang, wie er nicht zuletzt von Sabine Reh und Norbert Ricken geprägt wurde. Könntest du noch etwas genauer erläutern, was es damit auf sich hat?

Anna Moldenhauer:

(15:39) In Adressierungen erkennen Menschen einander als je Bestimmte an. Anne Otzen und Nadine Rose argumentieren daran anschließend, also an diesen Gedanken anschließend, dass der Begriff der Adressierung genutzt wird, um die Vorstellung eines subjektkonstitutiven Anerkennungsgeschehens zu konkretisieren und auf einen auch für empirische Arbeiten anschlussfähigen Begriff zu bringen. In adressierungsanalytischer Perspektive wird in den Blick gerückt, so wird es von Norbert Ricken an anderer Stelle ausgedrückt, wie man von wem, vor wem, als wer angesprochen bzw. xxplizit oder implizit adressiert wird und zu wem man dadurch von wem und vor wem gemacht wird. Um das Zusammenspiel von Adressierung und Readressierung zu analysieren und dabei Machtverhältnisse und normierende Bedingungen nicht aus dem Blick zu verlieren, wurde in der Erziehungswissenschaft die Adressierungsanalyse entwickelt. In Bezug auf unser Projekt und hinsichtlich des Vollzugs von Fortbildungen erhobenen und zu erhebenden Daten fragen wir auf Basis eines Adressierungsanalytischen Zugangs etwa: wie werden die Teilnehmenden angesprochen und wie antworten sie auf diese Adressierungen? Wie werden die Teilnehmenden und die Fortbildner*innen zum Fortbildungsgegenstand der Diskriminierung relationiert? Wie wird in diesem Geschehen der Gegenstand hervorgebracht und wir fragen: welche Normen der Anerkennbarkeit werden im Readressierungsgeschehen der Fortbildungen aufgerufen und verhandelt? Mit responsiver Anerkennungsforschung geht es uns um ein dialogisch komparatives Verfahren, im Rahmen dessen wir regelmäßig mit den Praxispartner innen im Austausch stehen und daran arbeiten, einander die jeweiligen Perspektiven nachvollziehbar zu machen.

Josephine Herz:

(17:30) In der Programmatik der von uns analysierten Fortbildungen und Workshops wird ja eine hohe Normativität auch deutlich. Lehrer*innen sollen lernen, mit Rechtspopulismus, mit Klassismus, mit Gender und Queerfeindlichkeit in der Schule im Sinne der Diskriminierungskritik umzugehen. Sie sollen also für Diskriminierung in der Schule sensibilisiert werden. Es stellt sich daher für uns die Frage, wie sich das Vermittlungsgeschehen in den Fortbildungen und Workshops als Anerkennungsgeschehen vollzieht. Lass uns doch im Folgenden auf erste Beobachtungen dazu eingehen.

Anna Moldenhauer:

(18:10) „FoDiSens“ läuft jetzt ziemlich genau seit einem Jahr und in diesem Zeitraum konnten an allen drei Standorten oder in allen drei Bundesländern bereits Fortbildungen für Lehrkräfte, die auf eine Sensibilisierung für Diskriminierung gerichtet sind, also zum schulischen Umgang mit Klassismus, zum schulischen Umgang mit Sexismus und Queerfeindlichkeit sowie zum schulischen Umgang mit rechtspopulistischen Einstellungen ethnografisch begleitet werden. Wir konnten verschiedene Spannungsfelder dabei ausmachen, von denen einige sich übergreifend beobachten lassen und andere spezifisch mit der Thematisierung bestimmter Formen von Diskriminierung verbunden zu sein scheinen oder dort stärker zur Geltung kommen. Ein Spannungsfeld, das wir wiederholt beobachten konnten, betrifft die in den Fortbildungen und Workshops zugrunde gelegte Annahme, dass alle an den Veranstaltungen Teilnehmenden metaphorisch gesprochen auf der richtigen Seite stehen und es eher um das diskriminierende Tun anderer gehe, dass es zu verhindern gälte. Diese Annahme, die nicht unbedingt explizit ausgesprochen, aber implizit beispielsweise darüber vermittelt wird, dass vergemeinschaftend gesprochen wird und mögliche Konflikte sozial eingehegt werden, steht in Spannung mit Zumutungen, mit denen Fortbildungsteilnehmer*innen durchaus auch konfrontiert werden. So wird etwa Fallarbeit praktiziert und dafür werden Fälle konstruiert, in denen Lehrer innen diskriminierend handeln. Die Lehrer*innen werden damit als welche angesprochen, in deren Praxis potenziell homologe Situationen entstehen können, die in ähnliche Fälle verwickelt und damit betroffen sein können. In derartigen Spannungsfeldern werden, mit Butler gesprochen, nicht nur Normen für das verhandelt, was Anerkennbarkeit ausmacht, sondern es geht auch ganz zentral um Fragen von Betroffenheit und Verantwortlichkeit. Verantwortlichkeit dafür, Schüler*innen oder Kolleg*innen vor Diskriminierung aufgrund ihrer sozialen Herkunft zu schützen. Verantwortlichkeit dafür, einzugreifen, wenn andere diskriminierend agieren. In der Auseinandersetzung mit den Fällen verhandeln die Fortbildungsteilnehmer*innen auch grundlegende Fragen pädagogischer Verantwortlichkeit, beispielsweise im Hinblick auf das Verhältnis von Elternhaus und Schule, also was ist zu tun, wenn Schüler*innen von zu Hause nicht das benötigte Arbeitsmaterial mitbringen.

Josephine Herz:

(20:36) Wir haben beobachtet, dass Verantwortlichkeiten darüber hinaus in einem weiteren Spannungsfeld gerungen wird, das besonders die Fortbildung zum schulischen Umgang mit Klassismus zu prägen scheint. Es geht um die Spannung zwischen einer Betonung von Klassismus als ein komplexes strukturelles Problem und der Anrufung der teilnehmenden Lehrer*innen als welche die konkrete Handlungsoption zur Verminderung oder sogar zur Vermeidung von Klassismus dann benennen soll. Könntest du etwas genauer erläutern, wie sich dieses Spannungsfeld zeigt?

Anna Moldenhauer:

(21:16) Die Fortbildungen sind überwiegend so aufgebaut, dass es zunächst verschiedene Impulse dazu gibt, was Diskriminierung generell oder was konkrete Formen von Diskriminierung ausmacht. Auf diese Weise sollen die Teilnehmenden in die Lage versetzt werden, Diskriminierung in ihrem Alltag zu erkennen. Die Teilnehmenden werden angeregt, sich mit Beobachtungen aus ihrem pädagogischen Alltag zu befassen und ein Problembewusstsein zu entwickeln. In einem nächsten Schritt werden gezielt Formen der Reflexion initiiert, sei es darüber, dass Teilnehmende aufgefordert werden, sich entlang der Frage „Wo begegnet euch Diskriminierung?“ zu eigenen Erfahrungen auszutauschen oder, dass im Rahmen von Übungen zur Selbstreflexion die eigene Involviertheit respektive Betroffenheit zum Thema gemacht wird. In diesen Herangehensweisen werden nicht zuletzt strukturelle und institutionalisierte Dimensionen von Diskriminierung oder auch konkret von Klassismus in den Blick gerückt. Der daran anknüpfende dritte Schritt sieht vor, dass die Fortbildungsteilnehmer innen Handlungsmöglichkeiten ausloten. Diesem Schritt wird in den Fortbildungen sowohl von Seiten der Teilnehmenden als auch durch die Fortbildner*innen eine hohe Relevanz. Beigemessen. Die Benennung von konkreten Handlungsmöglichkeiten steht in Spannung zum Verweis auf Klassismus als einem strukturellen Problem, weil das Sprechen über Handlungsmöglichkeiten mit der Anrufung der Lehrer*innen einhergeht, aktiv zu werden und in ihrem individuellen oder organisationalen Umfeld Verantwortung für Diskriminierungskritik zu übernehmen. Während Klassismus in den inhaltlichen Impulsen, die in den Fortbildungen gegeben werden und im Rahmen der Reflexionsaufgaben als vielschichtiges Phänomen diskutiert wird, kommt es im Zuge der Erarbeitung von Handlungsmöglichkeiten zu Vereinfachungen und zu Vereindeutigungen.

Josephine Herz:

(23:14) Danke. Mit den Spannungsfeldern hast du jetzt erste übergreifende Beobachtungen benannt, die ein Zwischenergebnis darstellen. Allerdings ist das „ForDiSens“-Projekt ja noch gar nicht abgeschlossen, sondern läuft erst seit einem Jahr und vieles steht ja auch noch an. Lass uns abschließend doch noch einen Blick darauf werfen, wie es weitergeht und welche Ideen und Perspektiven du mit den kommenden Jahren bzw. der zukünftigen Entwicklung auch verbindest.

Anna Moldenhauer:

(23:44) Na klar, das können wir gut mit einem Rückbezug auf das zentrale Forschungsinteresse verbinden. Unser Interesse im Projekt richtet sich, wie wir zu Beginn unseres Gespräches heute skizziert haben, nicht zuletzt darauf, besser zu verstehen, wie sich Prozesse vollziehen, die als Sensibilisierung für Diskriminierung beschrieben bzw. bezeichnet werden. Sensibilisierung haben wir als Problemformel dafür beschrieben, wie gesellschaftliche und pädagogische Veränderungsansprüche miteinander verschränkt werden. Es erscheint mir bedeutsam, in der Weiterarbeit an unserem Projekt genauer zu rekonstruieren, wie sich gesellschaftliche und pädagogische Veränderungsansprüche in den von uns untersuchten Veranstaltungen begegnen und wie sie aufeinander bezogen werden, wie etwa um konkrete Formen und Dimensionen von Diskriminierung gerungen wird. Die Titel dieser Podcastfolge genannten Begriffe Betroffenheit und Verantwortlichkeit halte ich diesbezüglich für aufschlussreich. Wir können sie als Vergleichsdimensionen nutzen, denen wir systematischer nachgehen, weil sie in den bislang beobachteten, durchaus unterschiedlichen Fortbildungssettings stets eine Rolle gespielt haben und darauf verweisen, wie sich Fortbildungsteilnehmer innen zu den Fortbildungsgegenständen in variierende Verhältnisse setzen und die Fortbildungsgegenstände hervorbringen. Darüber hinaus haben wir uns bislang eher explorativ mit unseren Beobachtungen befasst. Perspektivisch ist es unser Ziel, systematisch Ähnlichkeiten und Unterschiede bezüglich dazu unterschiedlichen Schwerpunkten, performierten Sensibilisierungsprozesse herauszuarbeiten und Fragen der Überlagerung verschiedener Diskriminierungsformen und Differenzdimensionen, Stichwort Intersektionalität, zu analysieren. Ich könnte jetzt noch eine ganze Reihe von Punkten aufzählen, die mir für vertiefende Analysen spannend und auch mit Blick auf Forschung zu Fortbildungen, zur Stärkung von Diversitätssensibilität als Professionalisierungsgeschehen und Bestandteil von Schulentwicklungsprozessen zentral erscheinen. Aber es ging uns in dieser Podcast Folge ja vor allem um ein Zwischenergebnis. Daher verzichte ich an dieser Stelle darauf.

Josephine Herz:

(26:02) Vielleicht können wir dann darüber sprechen, wenn wir in unserer Forschung auch weiter fortgeschritten sind. Es bleibt also viel zu tun. Vielen Dank für das Gespräch.

Anna Moldenhauer:

(26:11) Ich danke dir für den Austausch und freue mich darauf, dass wir die nächsten Schritte im Projekt gemeinsam angehen.

Matthias Olk:

(26:18) Inklusionsfragen. Der Podcast des Interdisziplinären Zentrums für Inklusionsforschung Berlin. Herausgegeben von Ellen Broddesser, Christian Brüggemann, Caroline Junge und mir, Matthias Olk.